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Der Boxer-Aufstand in Afghanistan



Im Sommer 1900 wurde das Gesandschaftsviertel in Peking von 25.000 chinesischen Aufständischen belagert. 55 Tage lang verteidigten sich 3300 Ausländer und chinesische Christen gegen die mit Lanzen und Haumessern anstűrmenden Boxer, wie die Aufständischen genannt wurden. Der deutsche Gesandte von Ketteler und ein japanischer Diplomat waren ermordet worden. Kaiser Wilhelm II. in Berlin war wűtend und schickte ein Expeditionskorps. Zusammen kämpften sieben westliche Staaten und Russland gegen die Boxer und die mit ihnen zeitweise verbűndete kaiserlich-chinesische Regierung.

Doch die 450 ausländischen Soldaten in Peking waren auf sich selbst gestellt, bis nach zwei Monaten ein Expeditionskorps unter Graf Waldersee von der Kűste heranmarschiert war und Peking einnahm.

Unter den Verteidigern des Gesandschaftsviertels bewährte sich ein junger Leutnant namens Ulrich von Loesch, der sich zufällig auf Reisen in China befand und mit den Wachsoldaten der Gesandschaft, die er kommandierte, ein Tor erfolgreich schűtzte. Mein Onkel Ulrich wurde nach seiner Rűckkehr 1903 von Kaiser Wilhelm II. empfangen und fűr seine Bravour mit einer Medaille ausgezeichnet. Er wurde zunächst zum Kammerjunker und später im Jahr 1906 zum Kammerherrn ernannt. Fortan besass er einen Schlűssel als Zeichen seines Hofamts, musste gelegentlich bei Hofe erscheinen und bezog einen kleinen Ehrensold.

Die grausame Niederschlagung des Boxeraufstands und das China danach auferlegte deműtigende Friedensdiktat samt Milliarden-Reparationen gelten heute als Beispiel eines klassischen Kolonialkriegs, bei dem die Westmächte ihre Kolonien und Privilegien in China verteidigten, während Russland die Mandschurei besetzte. Űber ein Jahrhundert später sind die Westmächte in noch grösserer Zahl, diesmal freilich ohne Russland, in einem asiatischen Land kriegerisch aktiv. Zählte Graf Waldersees Korps am Ende 100.000 Mann, so sind die Westmächte diesmal mit 150.000 Mann in Afghanistan am Werke. Galt es damals, China von fanatischen, Fremden hassenden und von einem Unverletzlichkeitsmythos beseelten Aufständischen zu befreien, so soll diesmal Afghanistan von fanatischen, Fremden hassenden und in religiösem Wahn befangenen Aufständischen befreit werden.

Waren die Allierten ihren chinesischen Gegnern waffentechnisch haushoch űberlegen, so sind die Afghanen mit ihren Kalaschnikows, Stinger-Raketen und Bomben ein ebenbűrtiger Gegner, selbst wenn ihnen Flugzeuge, Hubschrauber und Drohnen fehlen. Auch in Afghanistan fällt es der Regierung schwer, sich fűr oder gegen die Aufständischen zu entscheiden. Wie in China wechselt sie die Front je nach Kriegsglűck. Und den tapferen Westkriegern winkt leider kein Hofamt samt Schlűssel.

Benutzte Russland die Gelegenheit, sich in der Mandschurei ein Protektorat zu schaffen, so ist es diesmal der Nachbar Pakistan, der sicher gehen will, dass zumindest in den paschtunischen Provinzen, wenn nicht im ganzen Afghanistan, Pakistans Taliban-Freunde nach dem Abzug der Allierten regieren werden.

Wie wird die Nachwelt den Afghanistan-Krieg beurteilen? Wird er als verspäteter Kolonialkrieg gelten, in dem es um Zugang zu riesigen Bodenschätzen ging? Oder als Variante eines Religionskriegs? Oder als imperialistischer Krieg?

Wie in China, dessen Boxer kein westliches Land bedrohten, haben die Aufständischen in Afghanistan, die unter dem Oberbegriff Taliban zusammengefasst werden, kein westliches Land angegriffen. Sie begingen aber den Fehler, einer bösartigen Assassinen-Sekte Gastfreundschaft zu gewähren. Dass man das besser nicht tut, dűrften inzwischen selbst die Verbohrtesten begriffen haben.

Schon einmal haben die Amerikaner in einem asiatischen Land Krieg gefűhrt und sind besiegt worden. Jetzt sind sie bereit, mit diesem Land – Vietnam – nicht nur zu koexistieren, sondern einen Freundschaftsvertrag abzuschliessen. Mit den gleichen Kommunisten wie damals.

Wird Amerika in dreissig, vierzig Jahren bereit sein, einen Freundschaftsvertrag mit Afghanistan abzuschliessen? Mit den gleichen Taliban wie heute, den Nachfolgern von Mullah Omar?

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—— HvL